Können Blinde auch traurig sein und weinen?

Wolfgang Krafft in der Klasse

“Ein ganz normaler Tag“
Wolfgang Krafft, mein Erfahrungsbericht über meine Grundschuleinsätze

In den vergangenen fünf Jahren bekamen über 3916 Grundschüler und Verantwortliche durch die Elisabeth-und-Bernhard-Weik-Stiftung unter dem Motto: “Ein ganz normaler Tag“ die unterschiedlichsten Behinderungen mit den damit verbundenen Problemen von Betroffenen, zu denen auch ich gehöre, selbst vermittelt. Bei meinen vielen Grundschuleinsätzen in Hilden, Langenfeld, Radevormwald, Velbert, Witzhelden und Wülfrath zeigte ich den Grundschülern zusammen mit ihren begleitenden Lehrkräften sowie den mir assistierenden Eltern, dass Blindheit überhaupt nicht so schlimm ist, wie es oftmals dargestellt und angenommen wird, denn es gibt für alle Probleme und Schwierigkeiten Lösungsmöglichkeiten.

Mich braucht niemand wegen meiner Blindheit zu bedauern. Die Schönheiten der Welt kann ich zwar nicht sehen, sie mir aber von Sehenden dennoch mit Farben beschreiben lassen, weil ich noch von früher her eine gewisse Farbvorstellung habe. So beschriebst Du mir, lieber Bernhard, dankenswerterweise bei unserer gemeinsam erlebten London-Tandemtour mit Pro Retina Deutschland e.V. im Juni 2002 die Gegend zwischen Dover und London, durch die wir fuhren. Meine sehenden Wegbegleiter fragten mich oftmals bei unserer ersten Begegnung: ob sie bei ihren Beschreibungen, was sie sehen oder sahen, die Formulierung “ich sehe ...“ benutzen dürfen. Ich bejahte und begründete es ihnen damit, ich habe ja auch ein Fernsehgerät und sehe das Fernsehprogramm mit Ohren und stelle mir die Bilder in Phantasie vor.

Mit meiner persönlichen Kurzvorstellung sowie einem lustigen Erlebnis aus meinem bisherigen Leben begann ich im Beisein meiner Assistenten, aller Schülergruppen und ihren Begleitern stets die jeweils ca. 20 minütige Lerneinheit. Ich erzählte anschaulich und spannend von mir als bislang einzigem blinden Musikschüler an der Städtischen Musikschule Leverkusen, an der ich sowohl von 1981 bis 1983 jeweils Klavier- als auch von Januar 2007 bis Juni 2009 Keyboard-Einzelunterricht erhielt. Des weiteren sprach ich von meiner persönlichen Aufklärungsarbeit bei den zukünftigen und in der Ausbildung befindlichen Pflegekräften im Klinikum Leverkusen-Schlebusch, denen ich den richtigen Umgang mit blinden Patienten zeige.

Meine für die Aufklärungsarbeit in den Grundschulen mit viel Bedacht ausgesuchten, zusammengestellten und mitgenommenen persönlichen Blindenhilfsmittel, wie z.B. Reliefkalender und Bücher mit farbigen Tastbildern kamen bei allen ebenso gut an, wie auch die Brettspiele “Mensch ärgere dich nicht“, Schach, Mühle und Dame mit den passenden Spielsteinen und ein Skatspiel. Das “Kicker“-Sonderheft zur aktuellen Fußballbundesligasaison in Punkt- und Schwarzschrift ließ die Kinder laut jubeln, die mich baten, den Stadionsprecher zu machen.

Die mit Punkt- und Schwarzschrift selbst beschrifteten Hosenbügel zeigte allen meine notwendige Ordnung. Die seit kurzem zusätzlich mit Blindenschrift bedruckten Medikamentenverpackungen gehören gleichfalls in den Anschauungsunterricht. Mithilfe meiner beiden Modelle der Bremer Stadtmusikanten und des Kölner Doms zeigte ich den Kindern, wie ich mir als Blinder durch Tasten etwas begreifbar mache, was Sehende in Originalgröße sehen können. Die Erklärung -der von Louis Braille vor knapp 200 Jahren entwickelten Punktschrift - anhand von Eierkartons für sechs Eier fanden die Kinder witzig aber einleuchtend. Ich las kurze Passagen aus dem Buch “Der kleine Prinz“ vor und schrieb auf Wunsch die Kindervornamen in Blindenschrift auf der Stenomaschine. Wie Blinde früher auf einer Tafel mit Stichel, (so heißt der Schreibstift), schrieben, zeigte ich ebenso, so auch meinen Wecker mit Stimme und Musik und meine Armbanduhr. Der Umgang mit den weißen Blinden-Langstöcken muss den Schülern bei solchen Anlässen unbedingt gezeigt werden, wie auch verschiedene Blindenführtechniken. Am interessantesten fanden alle Schüler und Erwachsenen die leeren Elmex- und Aronal-Zahnpastatuben. An der Elmex-Tube schnitt meine Mutter die Ecken ab, damit ich sie von der Aronal-Tube unterscheiden kann und weiß, wann welche Tube mir ihren Inhalt geben muss.