GGS Dabringhausen-Dhünn

„Ich muss ja mit den Fingern lesen können“ 23. Oktober 2015

Kinder singen „Aufstehn, aufeinander zugehn“), 1692 (Horst Möhring weiß, wie man sich richtig mit „Krücken“ bewegt)
(Horst Möhring weiß, wie man sich richtig mit „Krücken“ bewegt)
(Mit dem Blindenstock Hindernisse erkennen)
(Gewichtswesten simulieren das Laufen von Übergewichtigen)
(Wolfgang Krafft „liest“ aus einem Buch mit Brailleschrift)
(Tandempilot Christian fährt die Kinder mit Augenbinde)
(Richtiges Rollstuhl fahren demonstriert Karin Wolters)

‚Der ganz normale Tag‘ in der Gemeinschaftsgrundschule Dabringhausen-Dhünn zeigte fast 300 Schülern, wie Menschen mit einem Handicap den Alltag bewältigen.

Dabringhausen/Langenfeld (jste). Das cSc-Team der Weik-Stiftung für den „ganz normalen Tag“ zur Sensibilisierung von Grundschulkindern für Menschen mit einem Handicap war wieder außerhalb von Langenfeld unterwegs. In der seit 2008 bestehenden Verbundschule für Dabringhausen-Dhünn mit insgesamt rund 300 Schülern sind zwei Tage vorgesehen. „Unser Team war in der Zeit vom 25. September bis 23. Oktober mit fünf Einsatztagen sehr gefordert“, erklärte Peter Mecklenbeck, der den „ganz normalen Tag“ organisatorisch betreut. Das 16-köpfige Kollegium und die 30 Helfern aus der Elternschaft hatten seitens der Schule alles gut vorbereitet. Schulleiterin Friederike Kelzenberg-Gerloff begrüßte das cSc-Team und alle Helfer und dankte für die Unterstützung. Dann zeigten die Schüler mit dem Lied „Aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen miteinander umzugehn“, dass sie kräftig singen können. Zum Schluss heißt es: „Dass aus Fremden Nachbarn werden, das geschieht nicht von allein. Dass aus Nachbarn Freunde werden, dafür setzen wir uns ein.“

Die verschiedenen Stationen haben die Kinder gefordert: Mit dem Rollstuhl fahren, richtiges Laufen mit Gehhilfen, Lauf der Übergewichtigen (simuliert mit Gewichtswesten), als „blinder“ Sozius Tandem fahren, die Gebärdensprache kennen lernen, sich mit dem Blindenstock über Hindernisse zurechtfinden, ohne Hände greifen u.v.m. „Die Bücher für Blinde haben dickere Blätter, damit sie die Brailleschrift lesen können, ich muss ja mit den Fingern lesen“, erklärte die blinde Petra Winke den Kindern. „Es gibt viele Hilfsmittel für blinde Menschen wie sprechende Uhren und Thermometer“, führte sie als Beispiel an. Wolfgang Krafft, ebenfalls blind, schrieb den Kindern ihren Namen mit (Blinden-)Brailleschrift auf einen Streifen und erklärte, wie sich Blinde beim Essen auf einem speziellen Teller – angelehnt an eine rund Uhr – zurechtfinden. „Wenn ich weiß, das Gemüse liegt zwischen 9 und 12 Uhr, die Kartoffeln zwischen 12 und 15 Uhr und im unteren Teil das Fleisch, habe ich keine Schwierigkeiten beim Essen.“ Krafft zeigt einen Ball mit klapperndem Inhalt. „Wenn sich blinde Kinder ihn gegenseitig zurollen, kann man die Richtung hören.“ Auch einige Spiele wie „Mensch ärgere dich nicht“ hat er dabei. Um die verschiedenfarbigen Figuren auch als Blinder unterscheiden zu können, haben sie unterschiedliche Köpfe. Viele Verpackungen, vor allem auch Medikamente, sind bereits mit der Brailleschrift gekennzeichnet.

„Meine Hosen sind auf den Bügeln  alle beschriftet, damit ich sie erkenne“, erzählt Krafft und hat noch ein weiteres Teil, das er rundgehen lässt: Einen speziellen Wahlzettel für Blinde.

„Wir sind die harten Männer“, erklärten die Tandem-Piloten des ADFC Christian Doll, Jo Ruppel, Peter Hahnel und Christoph Lebelt am ersten Tag in Dabringhausen. Bei strömendem Nieselregen fuhren sie die Schüler, die eine Augenmaske als „Blinde“ umgelegt bekamen, jeweils 400 m weit. Wegen des Wetters musste auch Elmar Widera den „Lauf der Übergewichtigen“ in die Schule verlegen, wo die Schüler mit zusätzlichen Gewichten Treppen steigen durften.

Die Station für „Armverletzte“ setzt besondere Geschicklichkeit voraus. „Ihr dürft nichts mit den Händen machen oder greifen“, sagen die Helfer. So werden Apfelstückchen mit dem Mund „aufgelesen“, mit Stiften schreiben die Kinder, indem sie diese zwischen die Fußzehen klemmen. Und die Tuschepinsel werden mit dem Mund gehalten, um sie auszuwaschen, mit neuer Farbe einzufärben und dann zu malen. „Sehr gut, ihr habt schön aufgepasst“, lobt Jelena Mijovic die Kinder. Sie zeigt ihnen mit den Händen bzw. Fingern die Gebärdensprache, mit der sich Gehörlose verständigen können. „Das Q wie Qualle sieht so aus“, macht sie den Kindern vor. Zwei Finger senkrecht bilden den Buchstaben V, drei Finger das W.

„Die Inklusion ist für unsere Schule noch ein Stück Neuland, sie muss da noch hineinwachsen“, sagte Kelzenberg-Gerloff zu ihrer Schule. Es gebe Schüler mit den Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung. Sozialpädagogen, Inklusionshelfer und Schulbegleiter sorgten dafür, dass die Förderung umgesetzt werden könne. „Kinder erleben diese Mitschüler als normal, aber auch, dass sie anders sind“, sagt die Schulleiterin. Ein Schwerpunkt in der Schule sei das Lesen. „Die Schüler sollen Spaß und Freude am Lesen haben, das ihre Fantasie beflügelt.“ Die Bibliothek werde an beiden Standorten hoch frequentiert. Der Schulverein finanziere neue Bücher, gebrauchte kämen aus der Elternschaft. „Eine Theater-AG ist in Dhünn schon lange Jahre etabliert, sie wird von einer Schauspielerin angeleitet“, berichtet Kelzenberg-Gerloff. Aus Mitteln des Landesförderprogramms „Kultur und Schule“ werde sie finanziert. Außerdem gebe es eine Bläser-AG mit Kindern eines Jahrgangs aus beiden Standorten. Der Elementarunterricht erfolge in der Schule, das Zusammenspiel in Kooperation mit dem Blasorchester Dabringhausen, das auch die Instrumente stelle. Am Standort Dhünn erfolgt gemeinsamer Unterricht der Klassen 1 und 2. In einem Mathewettbewerb war die Schule bis zum Regionalentscheid beteiligt. Auch der Sport kommt nicht zu kurz. “Selbstverständlich sind wir auch beim städtischen Schwimmwettkampf dabei.“

Zwei ganz normale Tage im April 2012

So ist das Leben mit Handycap

Blind sein, nicht hören können, im Rollstuhl sitzen, an Krücken gehen, stark übergewichtig sein – wie fühlt man sich damit? Grundschulkinder für Mitmenschen mit einem Handycap zu sensibilisieren, hat sich Bernhard Weik von der B & E Weik-Stiftung mit zur Aufgabe gemacht, als 1996 die Stiftung gegründet wurde. Zusammen mit dem cSc-Team (capp Sport cup) wurde das Projekt „Ein ganz normaler Tag“ entwickelt. Angeregt durch eine Mutter, die den ganz normalen Tag an einer Schule in Hückeswagen kennengelernt hat, wurde bereits vor gut 2 Jahren der Kontakt zur Stiftung aufgenommen. Das Projekt fand sofort großen Anklang in der gesamten Schulgemeinde. Die Notwendigkeit, sich mit dem Leben mit Handicap zu öffnen und Berührungsängste dabei abzubauen war bei Eltern und Lehrern gleichermaßen gesehen und gewünscht. Damit aber eine längere Auseinandersetzung mit dem Thema möglich ist, haben wir uns für die Einbettung dieses Projekts in eine Projektwoche entschieden. Dies ließ sich nun in diesem Schuljahr realisieren.

Am 24. und 25. April waren die vielen freiwilligen Helfer der Weik-Stiftung und Herr Weik selber an unserer Schule. „Es war toll, als wir zusammen gesungen haben. Wir haben das Lied: Aufsteh`n aufeinander zugeh`n gesungen!“

Alle Kinder unserer Schule haben so Herrn Kraft und seinen Kollegen kennengelernt. Beide blinde Menschen, die den Kindern die vielen Hilfsmittel näherbringen konnten, die den Blinden zur Verfügung stehen, um am Leben in unserer Gesellschaft gleichberechtigt teilnehmen zu können.

Außerdem konnten sie im Rollstuhl und mit Gehhilfen ausprobieren, wie schnell und gezielt, aber anders als sie es kennen, sich die Menschen mit Handicap im Bewegungsapparat fortbewegen können.

„Mit Krücken zu gehen ist schwierig. Man darf die nicht anders halten, sonst gibt es einen Armbruch. Wenn man sich hinsetzen will, muss man die Krücke, die nicht am verletzten Bein ist, weglegen.“
Beim Parcour, den die Kinder mit einem Blindenstock durchlaufen mussten, merkten sie sehr schnell, welche Konzentration auf den Stock und auf den Hör- und Tastsinn nötig sind, um über Hindernisse zu gelangen. Manch Viertklässler, der sich zunächst groß und sicher fühlte, wurde dabei sehr still und vorsichtig, bekam nach etwas Übung aber auch die Sicherheit zurück. „Ich fand es es sehr schwierig als wir mit einem Blindenstock über die Bänke gegangen sind. …Ich finde, es ist aber ganz gut gelungen!“

Die verbundenen Augen auf dem hinteren Platz beim Tandemfahren verlangte den Kindern viel Vertrauen auf den Fahrer ab. Den Kindern viel dies dabei augenscheinlich leichter, als den Lehrerinnen oder Müttern, die es ausprobiert haben. „Blinde können auch Fahrradfahren, zwar nicht allein, aber sie können es. Sie fahren mit einem Tandem, weil ihre Augen ja blind sind. Darum helfen Ihnen Freunde.“

Das Klettergerüst auf unserem Schulhof haben die Kinder noch einmal ganz erfahren können. Wie lässt es sich klettern, wenn man viel mehr Gewicht mit sich herumträgt? Mit Gewichtsmanschetten an Händen und Füßen und einer Weste, die mit Sand gefüllt ist, ist es viel beschwerlicher. „Am Besten fand ich das Treppenhochlaufen und das Klettern.“

Auf Anregung der Weik-Stiftung hat eine Mutter, die bereits aus privaten Gründen die „gebärdende unterstützte Kommunikation“ gelernt hat, den Kindern in kleinen Rollenspielen die entsprechenden Gebärden näher gebracht. Noch heute sieht man Kinder auf dem Schulhof, die sich mit diesen Gebärden „unterhalten“. „Ich haben mit den anderen Verkaufen gespielt. Dabei haben wir nur die Hände benutzt.“

Die Zitate sind von Schülerinnen und Schülern der zweiten Klasse – stellvertretend für alle Kinder der Schule. Wir alle möchten die Erfahrung dieser Tage nicht missen! Diese Tage haben viel Interesse und Spaß bei den Kindern und uns Erwachsenen hervorgerufen. Wir Lehrer wünschen uns gerne - wie sicher auch die Eltern - eine Wiederholung des „Ganz normalen Tages“ in vier Jahren.